P. Hauke: Bibliothekswissenschaft - quo vadis?

Cover
Titel
Bibliothekswissenschaft: eine Disziplin zwischen Traditionen und Visionen. Programme - Modelle - Forschungsaufgaben = Library science - quo vadis?


Herausgeber
Hauke, Petra
Erschienen
München 2005: K.G. Saur
Anzahl Seiten
480 S.
Preis
€ 75,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eric W. Steinhauer, Universitätsbibliothek, Technische Universität Ilmenau Email:

Bibliothekswissenschaft, die in Deutschland als Universitätsfach lediglich an der Humboldt-Universität zu Berlin vertreten ist, hat vor allem bei den Bibliothekaren ein Akzeptanzproblem. Geschuldet ist dieser für Außenstehende bemerkenswerte Umstand der überkommenen Struktur der Ausbildung für den höheren Bibliotheksdienst. Während es im Ausland durchaus üblich ist, nach einem genuin bibliothekswissenschaftlichen Studium eine Leitungsstelle an einer wissenschaftlichen Bibliothek zu bekleiden, ist die Situation in Deutschland weithin von der traditionellen Beamtenausbildung geprägt. Diese sieht nach einem beliebigen Fachstudium das Bibliotheksreferendariat als zweijährige bibliothekarische Zusatzausbildung vor. Bibliothekarisches Fachwissen wird dabei meist im Stil von Lehrgängen an einer verwaltungsinternen Bibliotheksschule vermittelt. Eine solche Ausbildung haben nahezu alle bibliothekarischen Entscheidungsträger im deutschen Bibliothekswesen durchlaufen. Sie ist auch heute noch in vielen Bundesländern Voraussetzung für den Zugang zur Laufbahn des höheren Bibliotheksdienstes.1 In dieses System freilich passt sich eine universitär betriebene Bibliothekswissenschaft nicht gut ein. Das beginnt damit, dass Absolventen bibliothekswissenschaftlicher Studiengänge an wissenschaftlichen Bibliotheken als reguläre Bewerber im höheren Dienst nicht eingestellt werden können. Sie haben eben, obwohl vom Fach, nicht die formale Laufbahnbefähigung. Hinzu kommt, dass die bibliotheksschulische Unterweisung bei vielen Bibliothekaren nicht in der besten Erinnerung geblieben ist. Theoretisches Bibliothekswissen wird daher mit einer gewissen Geringschätzung bedacht.

Bibliothekswissenschaft hat also ein Akzeptanzproblem. Dieses zu lösen, haben sich die Autoren des von Petra Hauke im Rahmen eines Seminars zusammen mit Studenten der Bibliothekswissenschaft redigierten Bandes zur Aufgabe gemacht. In einem der ersten Beiträge reflektiert Thomas Stäcker aus Sicht eines an einer Forschungsbibliothek tätigen Bibliothekars (Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel) das Verhältnis von Wissenschaft und Bibliothek. Stäcker beklagt dabei ein gewisses Theoriedefizit der Bibliothekswissenschaft. Kritisch stellt er fest, dass kreative Anstöße für „Bibliotheksutopien“ mehr von außen als von den Bibliotheken selbst kämen. Hans-Christoph Hobohm beschreibt in seinem breit und informativ angelegten Beitrag Felder und Desiderate bibliothekarischer Forschung. Er bietet dem Leser einen bunten Rundumschlag zu Objekten, Paradigmen, Zielen, Disziplinen und Akteuren bibliothekswissenschaftlicher Forschung. Einen besonderen Schwerpunkt hat Hobohm auf informationswissenschaftliche Fragestellungen gelegt. Als neue Perspektiven für die Bibliothekswissenschaft benennt er in diesem Zusammenhang ethische und sozio-kulturelle Themen. Wer sich hier weiter kundig machen will, wird bei Rainer Kuhlens Überblick zu aktuellen informationsethischen Fragestellungen fündig. Kuhlen beleuchtet die ethischen Herausforderungen des Internet. Gerade das Internet als ubiquitäres Publikations- und Kommunikationsmedium hat es mehreren Autoren des Bandes besonders angetan. Sie beschäftigen sich mit Fragen des elektronischen Publizierens von wissenschaftlichen Texten sowie mit der Vermittlung von Informationskompetenz angesichts der vielfältigen konventionellen und digitalen Auskunftsmittel. Andere Beiträge sind als praktische Anfragen an die Relevanz bibliothekswissenschaftlicher Forschungen formuliert. Dabei geht es um das juristische Bibliothekswesen, die öffentlichen Bibliotheken sowie um Schulbibliotheken. Angesichts der vielfältigen bibliothekarischen Praxis fordert Rupert Hacker, dass Bibliothekswissenschaft sich nicht auf bestimmte Bibliothekstypen fokussieren dürfe, sondern spartenübergreifend die ganze Bandbreite bibliothekarischer Institutionen in den Blick nehmen müsse. Erwähnenswert sind schließlich noch einige Beiträge, die sich mit der bibliothekarischen Ausbildung auch und gerade vor dem Hintergrund der Stellung und Aufgabe von Bibliothekswissenschaft beschäftigen. Lesenswert ist hier vor allem der Beitrag von Ulrich Naumann.

Die Autoren des vorliegenden Bandes weisen durchgängig eine starke informationswissenschaftliche Komponente auf. Sie sehen die Herausforderungen, denen sich die Bibliothekswissenschaft heutzutage stellen muss, überwiegend im informatorischen Bereich. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass Bibliotheken auch ein wichtiger Teil der Kulturgeschichte sind. Als Sammlungen alter und wertvoller Bücher und Handschriften ergeben sich für sie vielfältige Berührungen zur Buchwissenschaft.2 Diese aber ist in dem vorliegenden Band nur in Ansätzen vertreten. Dadurch bekommt das ganze Unternehmen einer bibliothekswissenschaftlichen Selbstdarstellung und Selbstvergewisserung einen merkwürdig geschichtslosen Charakter. Dies ist eine deutliche Zäsur zur überkommenen Bibliothekswissenschaft, die sich neben den unvermeidlichen Verwaltungsfragen dem Kulturgut Buch und seiner Geschichte besonders verpflichtet wusste.

Wo also steht die Bibliothekswissenschaft heute? Der Autorenkreis des Bandes ist hier aufschlussreich. Von den 31 Autoren sind die akademisch tätigen Beiträger fast ausnahmslos Fachhochschulprofessoren. In der Tat scheint die Fachhochschule mit ihrem starken Praxisbezug der gegenwärtige „Lebensraum“ von Bibliothekswissenschaft zu sein. Um aber als Wissenschaft ernst genommen zu werden, muss die Vernetzung zu den Universitäten stärker gesucht werden. Hier reicht es nicht aus, informationswissenschaftliche Fragestellungen in den Bibliotheksalltag zu übersetzen. Kreative Integration ist gefragt. Dabei müssen nicht nur die Kultur- und Medienwissenschaften beachtet werden. Auch die Rechts- und Verwaltungswissenschaften sind zu berücksichtigen. Bei all dem muss die Bibliothekswissenschaft in der Lage sein, ihren Grundlagenfächern etwas zurückzugeben, seien es neue Fragestellungen und Perspektiven, seien es methodische Herangehensweisen. Solange sie dies nicht leistet, wird neben das eingangs beschriebene laufbahnrechtliche Akzeptanzproblem eine fragile Wissenschaftlichkeit treten.

Beides bekommt dem Ansehen der Bibliothekswissenschaft nicht. Letztlich entscheidend für ihre Rolle und Funktion im Bibliothekswesen wird sein, inwieweit es ihr gelingt, jenseits unmittelbarer Praxiserfordernisse Leitlinien für bibliothekarisches Handeln zu entwickeln. Dies ist umso nötiger, als es im deutschen Bibliothekswesen keine zentrale Institution gibt, die als „think tank“ die unbestrittenen technischen, organisatorischen und rechtlichen Herausforderungen der internetgeprägten Wissensgesellschaft für die Bibliotheken systematisch reflektiert.

Wer „quo vadis“ fragt, fragt nach einem Weg, der zu beschreiten ist. Und in der Tat hat man nach der Lektüre des Bandes das Gefühl, dass hier noch ein Weg zurückzulegen ist, ein Weg der Überzeugung für das eigene Tun und ein Weg der Professionalisierung. Diesen Weg aufgezeigt und die verschiedenen, wenn auch nicht alle Winkel der gegenwärtigen Bibliothekswissenschaft ausgeleuchtet zu haben, ist das unbestrittene Verdienst des vorliegenden Bandes. Es ist dringend zu wünschen, dass er dazu beträgt, Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft in ein rechtes Verhältnis zu setzen. Eines steht nach der Lektüre fest, Bibliotheken brauchen eine kreative und produktive Bibliothekswissenschaft. Quo vadis Bibliothekswissenschaft? „In bibliothecam“ muss die schlichte Antwort lauten, „et scientiam“!

Anmerkungen:
1 Steinhauer, Eric W., Die Ausbildung der wissenschaftlichen Bibliothekare und das Laufbahnrecht, in: Bibliotheksdienst 39 (2005), S. 654-675.
Online unter: http://www.zlb.de/aktivitaeten/bd_neu/heftinhalte2005/Recht0505.pdf
2 So sind etwa im Handbuch der Bibliothekswissenschaft von Georg Leyh und Fritz Milkau, 2. Aufl., Wiesbaden 1952-1965, drei von vier Bänden historisch-buchkundlichen Themen gewidmet. Siehe auch: Kirchner, Joachim, Bibliothekswissenschaft. Buch- und Bibliothekswesen, Heidelberg 1951, S. 5 f.

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